Stiftungen in Frankfurt-Rhein-Main – Impulsgeber für die Bürgergesellschaft

Roland Kaehlbrandt

Stiftungen tragen seit langem zu Verbesserungen und Neuerungen unseres Gemeinwesens bei, und ihre Zahl nimmt stetig zu. Rund 800 Stiftungen werden pro Jahr in Deutschland errichtet. Frankfurt steht in der Stiftungsdichte mit über 500 Stiftungen ganz an der Spitze der deutschen Großstädte. Diese Kultur des Stiftens gilt es fortzusetzen in moderner Zeit. Meist sind es Unternehmer, die stiften. Denn sie haben Sinn für Innovation und aktive Gestaltung des Wandels. Stiftungen sind ein geeignetes Instrument dafür – gerade in einer stiftungsfreundlichen Stadt wie Frankfurt und Umgebung. Erweiterungsbau des Städel? Erneuerung der Historischen Villa Metzler? Förderung von Hochbegabten? Wo auch immer man auf neue Initiativen in Frankfurt und Umgebung stößt, meist sind Stiftungen als Impulsgeber oder Unterstützer dabei. Sie sind ein wichtiger Teil, ja, ein Motor dessen, was man als Bürgergesellschaft Frankfurt-Rhein-Main bezeichnen kann. Das liegt daran, dass Stiftungen rasch und unbürokratisch auf Fehlentwicklungen reagieren können, indem sie Lösungen erarbeiten und diese unabhängig von politischer Konjunktur testen, verbessern und einführen können.

Einige Beispiele: Über 100.000 Fachkräfte fehlen in Deutschland in den technischen Berufen. Es studieren zu wenige junge Leute technische Fächer. Deshalb hat die Deutsche Telekom Stiftung in Zusammenarbeit mit der Polytechnischen Stiftung in Frankfurt an zwei großen Gymnasien die Junior-Ingenieur-Akademie aufgebaut. Schüler der Klassen 9 und 10 erhalten eine intensive Einführung in das Berufsfeld des Ingenieurs. Die Lernorte sind vielfältig: Schule, Fachhochschule und Unternehmen. So gelingt es, Jugendliche frühzeitig zur Wahl technischer Fächer zu motivieren. Eine gute Investition!

Einer Studie des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung zufolge werden derzeit in Deutschland nur 50 Prozent der Talente aufgespürt[1]. Eine Schlussforderung der Studie ist, dass in einem schrumpfenden und alternden Land wie Deutschland insbesondere in sogenannten bildungsfernen Milieus Talente frühzeitig entdeckt und systematisch gefördert werden müssen. Stiftungen, darunter eine ganze Reihe aus Frankfurt, haben daher Förderprogramme entwickelt, die den Aufstieg durch Bildung erleichtern sollen. Gerade Zuwanderer müssen früh erreicht werden, damit sie gute Bildungsabschlüsse erzielen können. Darum kümmern sich mehrere Stiftungen in Frankfurt und Umgebung, so die Peter Fuld Stiftung, die seit vielen Jahren in Frankfurt systematisch Nachhilfe für Kinder in schwierigen Stadtteilen unterstützt, oder auch die START-Stiftung, eine Tochter der Hertie-Stiftung, die begabte Zuwandererkinder auf ihrem Weg zum höheren Bildungsabschluss fördert. Die Deutsche Bank Stiftung, die Accenture-Stiftung und die  Stiftung der Deutschen Wirtschaft haben 2007 den Studienkompass entwickelt hat, ein Förderprogramm für Schüler aus Elternhäusern ohne akademischen Hintergrund Projekt, denn man weiß, dass diese Jugendlichen ohne Impuls von außen viel seltener studieren als Akademikerkinder. Neue Wege geht auch die Crespo Foundation, die mit ihrem Saba-Projekt jungen Zuwanderinnen hilft, Teil der deutschen Bildungsgemeinschaft zu werden: Sie können, gefördert und begleitet durch die Stiftung, einen Schulabschluss nachzuholen und so in die Berufstätigkeit hineinfinden. Ein anderes Beispiel ist das Diesterweg-Stipendium für Kinder und ihre Eltern, das erste Bildungsstipendium für Familien. Initiator des Projekts ist die Stiftung Polytechnische Gesellschaft Frankfurt am Main in Zusammenarbeit mit dem hessischen Kultusministerium und der Stadt Frankfurt. Gefördert werden Kinder mit Potenzial, aber schlechten Deutschkenntnissen, und Eltern, die ihre Kinder auf ihrem Bildungsweg unterstützen wollen, aber nicht wissen, wie sie es praktisch anstellen sollen. Die Familie wird hier als Hebel für den Bildungserfolg angesehen und gestärkt. Ein einfaches, aber auch erfolgreiches Programm, das zeigt, wie man Talente nachhaltig fördern kann. Was insgesamt von Stiftungen auf dem Gebiet der Talentsuche getan wird, ist nicht nur die Förderung von Einzelnen, sondern die systematische Erarbeitung von neuen Wegen zu besseren Bildungsergebnissen.

Auch im kulturellen Bereich sind Stiftungen unentbehrlich, damit neue Projekte für den Kulturstandort Frankfurt überhaupt möglich sind. Hervorzuheben ist das Engagement des Frankfurter Mäzens  Carlo Giersch und seiner Frau Karin, die ein hochrenommiertes und stark besuchtes Museum für die Kunst der Region gegründet haben und auch in weiteren Museumsprojekten fördernd aktiv sind. Ob Städel-Erweiterung, Erneuerung des Film-Museums oder auch Unterstützung museumspädagogischer Arbeit bis hin zur Förderung neuer und junger Kunst: Meist sind Stiftungen aus Frankfurt und Umgebung an vorderster Stelle dabei. Und die Frankfurter Bürgerstiftung bietet in ihrem Holzhausenschlösschen ein eindrucksvolles und hochwertiges Kulturprogramm aus einer Hand an, das sich großen Zuspruchs erfreut.

Stiftungen aus Frankfurt und Umgebung sind traditionell auch im sozialen Bereich sehr aktiv. Gerade die mildtätigen Stiftungen haben in Frankfurt eine lange Tradition und sorgen auf vielfältige Weisen für sozialen Zusammenhalt. Zwei Beispiele sind das St. Katharinen und Weißfrauenstift, eine der ältesten Frankfurter Stiftungen überhaupt, die sich seit über 800 Jahren für bedürftige Frankfurterinnen einsetzt, oder auch die Waisenhausstiftung, die ein bedeutendes Förderwerk für Kinder, die ohne Eltern aufwachsen oder für Familien, die ihre Kinder nicht hinreichend unterstützen können. Auch die Förderung des Bürgerengagements in moderner Zeit ist Stiftungen ein Anliegen. So vergibt die Stiftung Citoyen den Citoyenne-Preis für Bürgersinn, und die Herbert Quandt-Stiftung aus Bad Homburg fördert einen bundesweiten Ideenwettbewerb für Bürgerstiftungen. Nicht zuletzt ist die Wissenschaftsförderung ein bedeutendes Gebiet für Stiftungen. Eine ganze Reihe von Stiftungen unterstützt die Goethe-Universität auf vielfältige Weise oder fördert einzelne wissenschaftliche Institute, Vorhaben oder Konferenzen. Und einer der größten Wissenschaftsförderer ist die in Bad Homburg ansässige Else Kröner-Fresenius-Stiftung, die die klinisch orientierte, biomedizinische Forschung unterstützt wie auch medizinisch-humanitäre Hilfsprojekte.

Frankfurt profitiert aber nicht nur von der gemeinnützigen Wirkung einzelner Stiftungen, sondern auch von ihrer Zusammenarbeit. Viele Projekte erhalten gerade durch den Zusammenschluss mehrerer Stiftungen und in Partnerschaft mit der öffentlichen Hand eine  starke Wirkung. So ist der DeutschSommer, ein Sprachförderprogramm für Frankfurter Grundschüler mit schlechten Deutschkenntnissen, durch die Zusammenarbeit von sechs Stiftungen und mehreren öffentlichen Partnern zu einer festen Einrichtung geworden. In den letzten Jahren hat sich eine gedeihliche Kultur der Kooperation entwickelt, auch vorangetrieben von der Initiative Frankfurter Stiftungen, in der 17 Stiftungen aus Frankfurt und Umgebung zusammengeschlossen sind. Diese 1994 gegründete Vereinigung hat sich zum Ziel gesetzt, den Austausch der Stiftungen untereinander und die Information über die Arbeit der Stiftungen zu intensivieren, um letztlich auch andere Interessierte zum Stiften zu ermutigen. In Zusammenarbeit mit der IHK Frankfurt am Main richtet die Stiftungsinitiative daher im Mai 2012 den Frankfurter Stiftungstag aus, der Gelegenheit geben wird, neue Ideen aus der Frankfurter Stiftungswelt kennenzulernen, von neuen Projekten zu erfahren und sich von der Vielfalt stifterischer Beiträge zum Gemeinwesen in Frankfurt und Umgebung zu überzeugen – und auch zu eigenem Tun anregen zu lassen.



[1] Mehr Chancen für Schüler. Wie sich mit Stipendienprogrammen Begabte finden und fördern lasse. Herausgegeben vom Berlin Institut für Bevölkerung und Entwicklung, Discussion Paper 5, Mai 2011